Lost in Options | Steuerungsverlust durch Übereifer
Thema: Entscheidungs-Architektur | Status: Insights-Analyse #02
Das Paradoxon vieler Organisationen: Ein Übermaß an Potenzial führt oft nicht zu besseren Ergebnissen, sondern zur Lähmung der Steuerung. In agilen Kontexten wird die Fähigkeit, unaufgefordert Varianten zu entwickeln, oft als Zeichen höchster Reife gefeiert. Doch was vordergründig nach Flexibilität aussieht, entpuppt sich unter Hochdruck oft als strategische Falle.
Die Illusion der Wahlfreiheit
Wenn ein Team Optionen produziert, statt sich auf die eine kritische Lösung festzulegen, findet oft eine unbewusste Entscheidungsflucht statt. Die Verantwortung für die finale Wahl wird an den Product Owner zurückdelegiert: : „Hier hast du alles, such dir das Beste aus.“
Das entlastet die Führung nicht, sondern belastet sie. Nietzsche beschrieb die Notwendigkeit, Energie zu kanalisieren, um Schöpferisches zu schaffen; ungerichtete Energie hingegen ist Verschwendung.
Zudem entstehen langfristige Wartungskosten: Jede zusätzliche Variante muss gepflegt, dokumentiert und später aktualisiert werden. Ein Überangebot an Optionen macht das Produkt ungleich teurer, ohne den Wert zwingend zu steigern.
Die Diagnose am Herd: Beilagen-Aktionismus
In unserem Agile Leadership Lab konnten wir dieses Muster unter Extrembedingungen beobachten: Ein Stromausfall legte die Küche lahm. Statt sich auf das eine Gericht zu konzentrieren, das auch ohne Strom fertiggestellt werden könnte, begann das Team kreativ, Beilagen-Alternativen zu entwickeln. Die Energie verpuffte in der Redundanz, während das Kernproblem – die Lösung des Stromproblems oder die Rettung des Hauptgangs – liegen blieb.
Warum Teams in die Varianten-Flucht gehen:
- Sicherheitsdenken: Wer alles anbietet, macht scheinbar keinen Fehler.
- Mangelnde Priorisierungstiefe: Es ist leichter, drei Dinge „ein bisschen“ zu machen, als den Schmerz der Festlegung auszuhalten.
- Kommunikationsvermeidung: Bei Barrieren (z. B. Sprache oder Hierarchie) erscheint das „Bauen“ von Optionen einfacher als das klärende Gespräch über die eine wahre Realisierung.
Checkliste: Liefert das Team Optionen oder flüchtet es vor der Entscheidung?
Wenn Sie als PO mehr als zwei der folgenden Punkte mit „Ja“ beantworten, haben Sie es wahrscheinlich mit Varianten-Aktionismus zu tun:
- Die „Such dir was aus“-Präsentation: Präsentiert das Team die Varianten ohne eine eigene, klare Empfehlung für die beste Lösung?
- Fehlender Fokus auf das „Must-have“: Wurden die Alternativen entwickelt, obwohl die Kern-User-Story noch nicht zu 100 % stabil läuft?
- Vermeidung von Rückfragen: Wurden die Varianten gebaut, ohne dass das Team vorher das Gespräch mit Ihnen gesucht hat, um die Anforderungen zu präzisieren?
- Explosion der Testaufwände: Verdoppelt oder verdreifacht sich durch die Varianten der Aufwand für Testing und Abnahme, ohne dass der Nutzen für den Kunden im gleichen Maße steigt?
Transfer-Impuls
Fragen Sie beim nächsten Mal, wenn das Team mit drei Optionen kommt: „Welche dieser Varianten würdet ihr bauen, wenn wir nur noch Zeit für genau eine hätten?“ Die Antwort entlarvt sofort, ob es wertvolle Optionen oder nur Schutzschilde sind.
Im Agile Leadership Lab machen wir genau diesen Unterschied sichtbar: Werden zusätzliche Varianten kritisch hinterfragt? Gibt es Dynamiken im Team, die zur Varianten-Flucht verführen?
